Nach einer schönen Woche, mit bestem Wetter, in Heiligenhafen, sollte es weiter Richtung Kröslin gehen. Meine Frau und die Kinder fahren vor und verbringen drei Tage in Rostock, in einem Hotel. Ursprünglich wollten wir noch nach Lübeck fahren. Pläne ändern sich und ich will versuchen von Heiligenhafen zumindest nach Darßer Ort zu kommen, vielleicht sogar bis Stralsund. Richtung Rostock würde ich nur im Notfall fahren, falls mit dem Boot etwas nicht stimmt, oder ich körperlich nicht durchhalte. Der Wetterbericht sieht vielversprechend aus, der Wind soll perfekt werden. Nicht zu stark, nicht zu schwach und aus Süd. Ich nehme mir viel Zeit für die Vorbereitung. Alles nochmal prüfen, Wasser und Diesel füllen, aufräumen und einkaufen. Für ein geplantes Nickerchen reicht am Ende die Zeit nicht mehr. Gegen 15:00 heißt es Leinen los. Die Aufregung ist riesengroß. Meine erste Nachtfahrt steht bevor und das auch noch ganz allein. Die Erfahrung der bisherigen Reise gibt mir Hoffnung das alles klappen wird. Schon bald liegt Heiligenhafen hinten mir und ich passiere die Fehmarnsundbrücke. Dahinter beginnt die Mecklenburger Bucht. Eine weite, offene Wasserfläche liegt jetzt vor mir. Ob ich es schaffe sie zu überqueren? Habe ich mir zuviel vorgenommen? Nein, ich werde es schaffen!
Der Wetterbericht stellt sich als etwas zu optimistisch heraus. Es ist viel weniger Wind als angekündigt, außerdem aus einer anderen Richtung. Ich fahre fast gegenan, bleibt nur unter Motor zu fahren. Als es dunkel wird verschwinden fast alle kleinen Boote und Yachten, nur ein großer Zweimaster kreuzt hinter mir durch die Nacht. In der Ferne viele Fähren, insgesamt viel mehr los als ich gehofft hatte. Es wird wohl keinen Schlaf geben heute Nacht. Zum Glück ist es nicht so dunkel wie befürchtet. Kaum Wolken am Himmel und der Mond scheint hell. Ich hatte es mir bedrohlicher vorgestellt alleine durch die Nacht zu fahren.

Ein paar Stunden nach Sonnenuntergang frischt der Wind etwas auf und dreht. Ich kann den Motor aus machen und segeln. Karlito fährt leise durch die Dunkelheit. Ich bin nur müde, aber zwinge mich durchzuhalten. Die Batterie entlädt sich schneller als mir lieb ist. Navigationslichter, Kartenplotter, Autopilot und die Leuchten unter Deck saugen um die 5 Ampere aus der 80 Ah Batterie. Nach einer Stunde ist der Wind fast völlig eingeschlafen und ich starte wieder den Motor. Der laute Motor hat den Vorteil das man nicht einschlafen kann. Er wird mich wach halten. Ich nutze die Zeit um etwas Navigation zu üben. Meist verlasse ich mich blind auf den Kartenplotter. Natürlich habe ich auch einen kompletten Satz Seekarten an Bord, die auch immer auf dem Tisch liegen, aber Zirkel und Dreieck nutze ich kaum. Nachts ist es nochmal schwieriger sich zu orientieren. Ein paar Lichter in der Ferne kann ich gut in der Karte wiederfinden. Rostock ist auch schon aus großer Entfernung zu erahnen, am diffusen Leuchten. Bald bin ich zu müde um die Übungen weiter zu führen. Ich halte also Ausschau und lege mich dann 20 Minuten unter Deck hin, zum ausruhen, nicht zum schlafen. Dann wieder Ausschau halten. Länger als 20 Minuten traue ich mich nicht unter Deck zu bleiben. Es sind viele große Schiffe Richtung Rostock unterwegs. Vermutlich Containerschiffe und Fähren. Hell erleuchtet fahren sie durch die Nacht und kreuzen meine Route. Ob Karlito auf dem Radar zu sehen ist? Wirklich nah kommt mir keines der großen Pötte. Stunden vergehen, die andere Seite der Mecklenburger Bucht kommt langsam näher.
Am nächsten morgen bei Sonnenaufgang bin ich schon auf Kurs Darßer Ort. Ich überlege eine Weile ob ich dort hin fahre und mich ausschlafe. Ein paar Stunden habe ich noch um mich zu entscheiden. Als ich dann gegen Mittag den Kurs Richtung Hiddensee setze ist die Entscheidung gefallen. Ich fahre durch bis Stralsund.
Kurz vor Hiddensee frischt der Wind stark auf. Ich habe Probleme das Boot unter Kontrolle zu bekommen. In den Böen läuft Karlito immer wieder aus dem Ruder. Der Wind hat jetzt 6Bft und das schmale Fahrwasser vor der Insel liegt direkt vor mir. Da hilft nur Motor an und in den Wind drehen, unter Segel wollte es mir nicht gelingen. Ohne Großsegel und mit stark gereffter Genua fahre ich an Hiddensee vorbei. Das Wasser hat ein schöne Farbe, ganz anders als das Grün das ich vom Wasser um Rügen kenne. Stralsund ist jetzt nah.
Ich möchte eigentlich weiter fahren, aber der Gedanke vor Stralsund zu Ankern gefällt mir. Ich entscheide mich für den Prohner Wiek. In der Ferne sieht man den Stadthafen und ist doch in der Natur. Das Wasser ist ruhig, kaum Wellen. Ein perfekter Abschluss dieser langen Tour. Morgen wird meine Frau mit den Kindern von Rostock nach Stralsund kommen. Ich bin zwar sehr müde, aber nehme mir die Zeit für Reparaturen. Das Großsegel soll reffbar gemacht werden und andere Kleinigkeiten. Erst gegen neun gehe ich in die Koje. Es wird ein komaartiger, traumloser Schlaf. Es ist egal, ich habe mein Ziel erreicht.


